|
 Früh morgens hatten wir uns zu dritt mit einer Video- und meiner Digitalkamera bewaffnet aufgemacht. Nach ungefähr einer Stunde Fahrt, in der wir immer tiefer in die ländliche Gegend Indiens eindrangen, parkten wir das Auto am Straßenrand. Wir mussten bloß eine Wiese überqueren - und schon standen wir in der größten Ziegelsteinfabrik in West Bengalen, Indien.
Der Anblick, der sich mir dort bot, erschütterte mich zutiefst: Überall sah ich arbeitende Kinder, die sich zusammen mit ihren Eltern unter der glühenden Sonne abmühten. Kleine Kinder schleppten die schwere Lehmrohmasse auf dem Kopf oder in Karren zu ihren Eltern und Geschwistern, die daraus mit Hilfe einer Holzform die Ziegel formten. Mädchen und Frauen balancierten Türme von getrockneten Ziegeln auf den Köpfen zu den großen Brennöfen. Ein kleines Mädchen lief immer im Kreis hinter zwei Ochsen her, die eine Maschine antrieben, mit der der Lehm geschmeidig gemacht wurde. Auf dem Rücken hatte sie ein kleineres Geschwisterchen gebunden. Ein nacktes Baby saß im Staub, das Gesicht tränenverschmiert, und schaute der Mutter beim Arbeiten zu.
Wer seid ihr?
Sobald wir das Gelände betraten, richteten sich alle Augenpaare uns, die Arbeit wurde jedoch für keinen Moment unterbrochen. „Was wollen diese beiden indischen Männer und das ausländische Mädchen mit den Kameras bei uns?“ schienen sich die Menschen zu fragen. Während wir anfingen die ersten Aufnahmen zu machen, scharten sich einige der Kinder um uns. Neugierig wurden wir und die Kameras beobachtet.
Ich fragte eines der arbeitenden Mädchen nach ihrem Namen - dafür reichten meine Bengali Kenntnisse gerade so aus. „Sonia“. Sie lächelte mich etwas scheu an. „Und wie alt bist du?“ kramte ich den nächsten Satz heraus, den ich gelernt hatte. Sonia zuckte mit den Schultern und wendete sich wieder den Ziegelsteinen zu. Sie wusste es nicht.
„Komm, wir gehen weiter“. Meine Begleiter Swapan wandte sich zum Weitergehen. Er ist Leiter des „Center for Communication and Development“ (CCD), der sich in ganz West Bengalen für die Rechte von Kindern und Frauen einsetzt, . Der Kameramann, ebenfalls ein Mitglied der Organisation, folgte ihm. Ich wollte noch schnell das nackte Baby fotografieren. Als dieses jedoch auf einmal eine Ausländerin mit einer Kamera so nahe vor sich hocken sah, erschrak es fürchterlich und fing panisch an zu schreien. Ich ließ das Foto also bleiben und folgte schnell den beiden anderen. Im Gehen drehte ich mich noch einmal nach dem Baby um. Die Mutter hatte es hochgehoben und wiegte es beruhigend auf dem Arm, wandte sich jedoch schon wieder ihrer Arbeit zu.
Die Ziegelei
Hoch ragten die Schornsteine über der Fabrik auf. Ein paar besser gekleidete Männer saßen auf Stühlen am Rande des großen, lehmfarbenen Geländes. „Die Aufseher“ erklärte mir Swapan.
Eine Kolonne von Frauen und Mädchen, die die schweren Ziegelsteine auf den Köpfen balancierten, liefen im Laufschritt in einer langen Reihe an uns vorbei. Ich schaute mir das letzte Mädchen in der Reihe an. Sie dürfte keine acht Jahre alt gewesen sein.
Auf einem ungesicherten, recht wackelig aussehenden Holzsteg verschwand die Gruppe in einer Grube, wo ihnen Männer die Last abnahmen und zwischen zwei der großen Lehmöfen aufschichteten. Durch die enorme Hitze von beiden Seiten würden die Steine innerhalb 24 Stunden gebrannt sein.
Ich, die so schon in der Sonne schwitze (es war wohl um die 36° C), fragte mich, wie es diese Männer dort unten aushalten konnten, musste die Temperatur dort durch die Hitze der Öfen doch noch wesentlich höher sein. Schon liefen die Frauen in der entgegengesetzten Richtung an uns vorbei, um neue Steine zu holen.
Ich beobachte, wie aus der Nachbargrube andere Frauen fertig gebrannte Steine trugen. Diese Steine wurden hinter uns aufgestapelt und von dort wiederum von Männern auf Lastwagen geladen. All diese Steine würden an große Baufirmen verkauft werden. Ich hoffte, dass die Menschen, die später in den aus diesen Steinen gebauten Häusern wohnen würden, glücklicher sein könnten als diejenigen, die sie hergestellt hatten.
Einer der Lastwagen war voll und verschwand auf der Lehmstraße, eine Wolke von Asche und Staub hinter sich herziehend. Doch schon tauchte der nächste auf und die Männer machten sich wieder an die Arbeit.
Verbotene Aufnahmen
„Warum lassen sie uns hier so ungehindert die Fabrik betreten und Videoaufnahmen machen? Es muss ihnen doch klar sein, dass diese Aufnahmen später GEGEN die Fabrik verwendet werden!“ fragte ich Swapan. „Oh, einfach so werden sie ganz bestimmt nicht jeden hier hereinlassen!“ Swapan lächelte verschmitzt. „Es ist eben bloß so, dass sie Angst vor mir haben. Dich alleine hätten sie schon längst hinausgeschmissen!“
Ich konnte es trotzdem nicht verstehen, dass diese Fabrik so einfach und offen für jedermann sichtbar und zugänglich war. Von den ca. 2000 Arbeitern hier waren mindestens 300 unter 14 Jahre alt. Und auch in Indien ist Kinderarbeit verboten! Doch das machte für die Kinder hier keinen Unterschied. Sie wurden nicht gefragt, ob sie arbeiten wollen oder nicht. Um die Familie über Wasser zu halten, muss jede Hand mit anpacken, ob groß oder klein. Zeit für Schule bleibt da nicht.
Ich schaute die Kinder an, die uns gefolgt waren. Mir erschien das alles hier so unglaublich ungerecht. Denn schon mit ihrer Geburt war das Schicksal für sie vorbestimmt, ihr Leben mit Ziegelsteinen zu verschwenden. Nie werden sie etwas anderes als Ziegelsteinfabriken zu sehen bekommen. Ihr Leben wird sich nicht dem ihrer Eltern unterscheiden und auch das Los ihrer zukünftigen Kinder wird nicht anders sein.
Wandersklaven
Jedes halbe Jahr werden die Arbeiter durch Mittelsmänner in eine andere Fabrik verkauft. Auf diese Art und Weise verhindern die Fabrikbesitzer, dass sich Freundschaften oder sogar Gewerkschaften bilden können. Die einzelnen Familien bleiben in ihrem Kampf ums Überleben isoliert.
Inzwischen hatten wir die Behausungen der Arbeiter erreicht, die mitten in der Fabrik lagen. Es waren enge, dunkle, kleine Lehmhütten, ohne fließendes Wasser und ohne Strom. Auch hier machten wir einige Aufnahmen, dann setzten wir unseren Weg fort.
„Schau dir diese Steine an!“, Swapan wies auf einen Fleck, voll mit Steinen, die halb vom Regen zerstört worden waren, „Die Familie hier wird niemals Geld für diese Steine erhalten haben, da sie noch auf dem Boden zerstört worden sind und somit der Fabrik keinen Gewinn bringen. Ein Tag harter Arbeit ist hier buchstäblich vom Regen weg gewaschen worden.“
Grab der verlorenen Kindheiten
Schließlich erreichten wir wieder unseren Ausgangspunkt. Ungefähr 3 Stunden waren vergangen. Die Speicherkarte meiner Kamera war voll und die Kassette der Videokamera hatten wir auch schon ausgetauscht. Die Mühe hatte sich gelohnt.
Während wir über die Wiese zu unserem Auto gingen drehte ich mich noch einmal um. Riesig lag die Fabrik hinter mir. Dieser Ort war ein Friedhof von so vielen Kindheiten.
Auf dem Rückweg wollte mir die Bilder des soeben gesehenen nicht aus dem Kopf gehen, zu tief hatten sie sich mir eingeprägt, zu tief hatten sie mich bewegt. Ich dachte an die Menschen in Europa. Wie wenig sind wir es uns doch bewusst, wie gut es uns eigentlich geht!
Miriam Maxeiner
|